Heft I · Mai 2026
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Wärme · 11 min

55 Grad oder weniger — Vorlauftemperatur als Schlüssel zur Wärmepumpe im Bestandsbau

Eine Wärmepumpe arbeitet nur dann effizient, wenn das Heizsystem niedrige Vorlauftemperaturen verträgt. Im unsanierten Bestand ist das die zentrale Sanierungs-Frage — und sie hat keine pauschale Antwort.

Wärmepumpen-Außeneinheit auf einem Betonfundament hinter einer Lärchenholz-Sichtschutzwand im Morgenlicht
— Wärmepumpen-Außeneinheit auf einem Betonfundament hinter einer Lärchenholz-Sichtschutzwand im Morgenlicht —

Es gibt in der Diskussion um Wärmepumpen im unsanierten Altbau eine Zahl, die sich in den letzten drei Jahren zur Schwelle herausgebildet hat: 55 °C Vorlauftemperatur. Unterhalb dieser Schwelle kann eine Luft-Wasser-Wärmepumpe mit einer Jahresarbeitszahl (JAZ) von 3,0 oder besser betrieben werden. Oberhalb wird es schwierig — nicht physikalisch unmöglich, aber wirtschaftlich fragwürdig, weil die JAZ unter 2,5 fällt und der Stromverbrauch entsprechend steigt.

Wer einen Bestandsbau aus den 1970er oder 1980er Jahren bewohnt, in dem das Heizsystem auf 70 °C oder 75 °C Vorlauftemperatur ausgelegt war, steht damit vor der zentralen Frage der Wärmepumpen-Sanierung: Lässt sich das System unter diese Schwelle bringen, ohne dass die Räume kalt bleiben?

Die Antwort ist fast immer ja. Aber sie verlangt eine differenzierte Vorgehensweise.

Warum 55 °C die magische Grenze ist

Eine Wärmepumpe ist eine umgekehrte Klimaanlage. Sie transportiert Wärme von einem niedrigeren Temperaturniveau (Außenluft, Erdreich, Grundwasser) auf ein höheres (Heizungswasser, Brauchwasser). Der Energie-Aufwand, der dazu nötig ist, hängt von der Temperaturdifferenz zwischen Wärmequelle und Wärmesenke ab — je größer die Differenz, desto schlechter die Effizienz.

In einer Luft-Wasser-Wärmepumpe wird im Auslegungsfall — also bei einer Außentemperatur von etwa minus 10 bis minus 12 °C in Mitteldeutschland — der Verdampfer auf vielleicht minus 15 °C abgekühlt. Wenn das Heizungswasser auf 35 °C erwärmt werden soll, beträgt die nutzbare Temperaturdifferenz 50 K, und die Wärmepumpe arbeitet im COP-Bereich um 2,5 bis 2,8. Wenn das Heizungswasser dagegen auf 55 °C erwärmt werden muss, beträgt die Differenz 70 K, und der COP fällt auf 1,8 bis 2,0. Bei 65 °C sind es 80 K und ein COP um 1,5 — also kaum besser als ein Stromheizkörper.

Die Jahresarbeitszahl mittelt diese Momentanwerte über die Heizperiode. Da der Auslegungsfall nur an wenigen Tagen erreicht wird und die meiste Heizenergie bei milderen Außentemperaturen (5 bis 10 °C) verbraucht wird, fällt die JAZ deutlich besser aus als der ungünstigste COP. Praktisch erreichbar sind:

  • JAZ 3,5 bis 4,2 bei einer Vorlauftemperatur von 35 °C (Fußbodenheizung im Neubau-Standard)
  • JAZ 3,0 bis 3,5 bei einer Vorlauftemperatur von 45 °C (Heizkörper im KfW-55-Bestand)
  • JAZ 2,7 bis 3,0 bei einer Vorlauftemperatur von 55 °C (gut sanierter Altbau mit großzügig dimensionierten Heizkörpern)
  • JAZ 2,2 bis 2,6 bei einer Vorlauftemperatur von 60 bis 65 °C (mäßig sanierter Altbau)

Das Bundesförderprogramm BEG verlangt für die Wärmepumpen-Förderung eine prognostizierte JAZ von mindestens 3,0 — also faktisch eine Vorlauftemperatur von höchstens 55 °C im Auslegungsfall.

Was im unsanierten Altbau wirklich passiert

Die theoretischen Vorlauftemperaturen, die in den ursprünglichen Auslegungs-Berechnungen der 1970er-Jahre standen, sagen wenig über die tatsächlich notwendigen Temperaturen heute aus. In den vergangenen vier Jahrzehnten wurden in den meisten Bestandsbauten — auch unsystematisch — Fenster ausgetauscht, Dachflächen gedämmt, Außenwände stellenweise mit Innendämmung versehen, undichte Stellen abgedichtet. Der Heizwärme­bedarf des Hauses ist gesunken, ohne dass jemand die Heizkurve am Brenner nachgezogen hätte.

Eine empirische Methode, die jeder Heizungsbauer kennt, aber selten konsequent durchführt: Im Winter, bei einer Außentemperatur unterhalb des Auslegungspunktes, die Heizkurve schrittweise absenken, bis die Räume nicht mehr ausreichend warm werden. Diese Temperatur ist die tatsächlich notwendige Vorlauftemperatur. In etwa der Hälfte der untersuchten Bestandsbauten liegt sie zwischen 50 und 60 °C — also überraschend nahe an der 55-°C-Schwelle.

Die meisten Altbauten brauchen weniger Vorlauftemperatur, als ihre Heizungsanlage liefert. Sie wissen es nur nicht.

Hydraulischer Abgleich: das vergessene Handwerk

Der zweite Hebel, neben der Heizkurve selbst, ist der hydraulische Abgleich. In einem Heizsystem mit mehreren Heizkörpern teilt sich der Volumenstrom des Heizungswassers auf die einzelnen Stränge auf. Ohne Abgleich nimmt sich jeder Heizkörper so viel, wie er kann — die kürzesten Wege werden überversorgt, die längsten unterversorgt. Der Effekt: Räume nahe der Heizungsanlage werden zu warm, weit entfernte Räume bleiben kühl, und der Heizungsbetreiber dreht die Vorlauftemperatur hoch, um auch im hintersten Schlafzimmer noch warm zu werden.

Der hydraulische Abgleich nach Verfahren B — also mit raumweiser Heizlast-Berechnung und Voreinstellung der Heizkörper-Ventile — kostet in einem typischen Einfamilienhaus zwischen 800 und 1.400 Euro und senkt die notwendige Vorlauftemperatur erfahrungsgemäß um 5 bis 10 K. Bei einem Haus, das ohne Abgleich 65 °C braucht, sind nach dem Abgleich oft 55 bis 58 °C ausreichend. Genau jene Schwelle, ab der eine Wärmepumpe wirtschaftlich wird.

Das Verfahren A (nach Faustformel, ohne raumweise Heizlast-Berechnung) ist deutlich günstiger, aber für die Wärmepumpen-Vorbereitung nicht ausreichend. Wer einen Abgleich beauftragt, sollte explizit Verfahren B verlangen.

Heizkörper-Tausch: punktuell, nicht flächig

Wenn der hydraulische Abgleich allein die Vorlauftemperatur nicht ausreichend senkt, ist der nächste Schritt der Tausch einzelner Heizkörper. Dabei gilt eine einfache Faustregel: Die Wärmeleistung eines Heizkörpers skaliert ungefähr mit der Differenz zwischen mittlerer Heizwasser-Temperatur und Raumtemperatur, hoch 1,3. Konkret: Ein Heizkörper, der bei 70/50/20 (Vorlauf/Rücklauf/Raum) 2.000 Watt liefert, liefert bei 55/40/20 noch etwa 1.250 Watt.

Um die Wärmeleistung bei niedrigerer Vorlauftemperatur zu halten, muss die Heizfläche vergrößert werden — entweder durch einen größeren Plattenheizkörper, durch einen tieferen Heizkörper (statt Typ 22 ein Typ 33) oder durch zwei Heizkörper, wo vorher einer hing. Der Tausch eines Heizkörpers kostet, je nach Größe und Zugänglichkeit, 400 bis 900 Euro inklusive Material und Arbeit.

Der entscheidende Punkt: In einem typischen Bestandsbau sind oft nur zwei oder drei Heizkörper das Problem — die ungünstig dimensionierten Räume, das schlecht gedämmte Eckzimmer im ersten Stock, das große Wohnzimmer mit der bodentiefen Glastür. Wer diese Heizkörper gezielt austauscht, kommt mit 2.500 bis 4.000 Euro für das gesamte Haus aus und senkt die notwendige Vorlauftemperatur um weitere 5 bis 8 K.

Eine Beispielrechnung

Ein freistehendes Einfamilienhaus, Baujahr 1976, 145 m² beheizte Wohnfläche, Dach 2003 gedämmt, Fenster 2014 erneuert (Uw 1,1), Außenwände ungedämmt mit 36 cm Hochlochziegel und Außenputz. Berechneter Heizwärmebedarf nach DIN EN 12831: 9.200 Watt im Auslegungsfall, etwa 22.000 kWh jährlich.

Ausgangs-Vorlauftemperatur: 70 °C (Gaskessel-Auslegung Baujahr 1998). Nach Heizkurven-Optimierung: 62 °C. Nach hydraulischem Abgleich Verfahren B: 56 °C. Nach Tausch von zwei Heizkörpern (Bad und Schlafzimmer Süd): 52 °C im Auslegungsfall, 38 °C im Jahresmittel.

Eine Luft-Wasser-Wärmepumpe mit 10 kW Heizleistung erreicht bei diesem System eine JAZ um 3,2. Bei einem Jahresstrombedarf von etwa 6.900 kWh und einem gemischten Tarif von 30 ct/kWh entspricht das jährlichen Heizkosten von rund 2.070 Euro — gegenüber 2.900 Euro bei einem fortgeführten Gasbetrieb (bei 12 ct/kWh-Gas-Brennwert-Äquivalent).

Die Differenz ist nicht überwältigend, aber sie deckt — über 15 Jahre gerechnet — die Mehrkosten der Wärmepumpen-Installation gegenüber einer Gasheizung nach Förderung. Und sie ist robuster gegen Energiepreis-Schwankungen, weil der Stromanteil aus eigener PV-Anlage gedeckt werden kann.

Die Kompromisse, die selten ausgesprochen werden

Was in den Sanierungsberatungen oft beschönigt wird: Eine Wärmepumpe im unsanierten Altbau ist immer ein Kompromiss. Selbst nach hydraulischem Abgleich und Heizkörper-Tausch bleibt die Vorlauftemperatur höher als in einem Neubau, die JAZ niedriger, der Stromverbrauch höher. Wer ein Haus mit Heizwärmebedarf von 200 kWh/m²a hat und nicht bereit ist, in die Gebäudehülle zu investieren, wird mit einer Wärmepumpe nicht glücklich — egal, wie gut die Heizung selbst eingestellt ist.

Die ehrliche Reihenfolge der Sanierungs-Schritte lautet: erst Hülle, dann Heizung. Wer die Reihenfolge umdreht, kauft sich eine überdimensionierte Wärmepumpe, die nach einer späteren Hülle-Sanierung im Teillastbetrieb taktet und vorzeitig altert.

Der zweite Kompromiss: Brauchwasser. Eine Wärmepumpe, die ihr Brauchwasser auf 55 °C erwärmt (Legionellen-Schutz nach DVGW W 551), arbeitet dabei mit einer JAZ von vielleicht 2,5. Wer die Brauchwasser-Temperatur reduzieren will, muss das thermische Risiko abwägen — in einem Einfamilienhaus mit kurzen Leitungswegen vertretbar, in einem Mehrfamilienhaus mit langer Zirkulation problematisch.

Was im Mai 2026 möglich ist

Die Förderlandschaft hat sich seit der Heizungsgesetz-Novelle 2024 stabilisiert. Eine Wärmepumpe im Bestandsbau wird über das BEG mit bis zu 70 Prozent gefördert (Grundförderung 30 Prozent, Effizienz-Bonus 5 Prozent, Klimageschwindigkeits-Bonus 20 Prozent, Einkommens-Bonus 30 Prozent — kombinierbar bis zur Obergrenze). Förderfähig sind Anlagenkosten bis 30.000 Euro pro Wohneinheit. Hydraulischer Abgleich und Heizkörper-Tausch im Rahmen der Wärmepumpen-Installation sind Teil der förderfähigen Kosten.

Wer 2026 ohne Förderung saniert, weil das Wärmepumpen-Modul des BEG nicht in Anspruch genommen werden kann, sollte zumindest den Einzelmaßnahmen-Bonus für hydraulischen Abgleich (15 Prozent, ohne Wärmepumpen-Kontext) prüfen.

Eine Schlussbemerkung zur Geduld

Die häufigste Aussage, die Energieberater:innen bei der ersten Begehung eines Bestandshauses hören, lautet: „Können wir nicht einfach den Kessel tauschen?” Es ist eine verständliche Frage. Sie blendet aber aus, dass die Wärmepumpe — anders als der Gaskessel — auf die spezifischen Eigenschaften des Hauses reagiert. Eine Wärmepumpe in ein Haus zu setzen, das dafür nicht vorbereitet ist, ist wie einen Diesel-Motor in ein Elektroauto-Chassis zu setzen.

Die Vorbereitung dauert. Sie ist nicht spektakulär — kein Außengerät, keine glänzende Wandhalterung, keine Smart-Home-App. Sie besteht aus Berechnungen, Messungen, kleinen Eingriffen in der Heizungsverteilung, dem Tausch von zwei oder drei Heizkörpern, vielleicht einer optimierten Heizkurve.

Aber sie ist der Unterschied zwischen einer Wärmepumpe, die funktioniert, und einer Wärmepumpe, die ärgert.


Ressort: Wärme §